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Mutter mit Depressionen

Vor einiger Zeit erzählte mir meine Mutter, dass sie während meiner Pubertät an einer Depression gelitten habe. Das sei schlimm gewesen, besonders für sie. Ja für sie war das ganz bestimmt schlimm. Für mich war das schliesslich ein Spaziergang. Mit 4 Jahren wachte ich nachts auf, weil mein noch nicht einmal ein Jahr alter Bruder schrie und schrie. Ich ging ins Nebenzimmer um meine Mutter und ihren Mann zu wecken - doch da war niemand. Ich wusste nicht was ich tun sollte, also holte ich diesen kleinen Wurm aus seinem Bett und holte ihn in meins. Das ist meine zweite Kindheitserinnerung. Davor wachte ich diverse Male nachts auf und suchte nach meiner Mutter - schliesslich hatte ich schlecht geträumt und wollte mich in Sicherheit wiegen - doch sie war nicht da. Es hiess dann immer sie wäre arbeiten gewesen. Keine Ahnung, ob das wahr ist. Manchmal sass eine mir völlig fremde Frau in unserem Wohnzimmer. Fragte ich nach meiner Mutter so hiess es: Die ist nicht da - aber ich bin ja da und passe auf. Dass meine Mutter je etwas mit mir unternommen hätte daran kann ich mich nicht erinnern. Es gibt Fotos, wo es so aussieht als hätten wir tatsächlich gebastelt (da war ich 3) aber danach gibt es kaum noch Fotos von uns gemeinsam. Als mein Bruder dann geboren war, drehte sich alles nur noch um ihn. Er hatte häufig Kolliken - war ständig im Krankenhaus und ich war doch die Grosse - ich musste das doch verstehen. Ich ordnete mich unter, dachte wenn ich nur brav genug wäre, dann wären meine Eltern stolz auf mich und hätten mich lieb. Nachdem die Krankheit meines Bruders einen Namen hatte und man sie behandeln konnte waren bereits zwei Jahre vergangen. Zwei Jahre in denen er verstanden hatte wie er die Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Während mein Bruder drängelte, sich alles herausnahm was er wollte, wurde ich angeschnauzt und für seine Fehltritte auch noch verantwortlich gemacht. Ich hatte schliesslich auf ihn aufzupassen. Pflichten hatte ich jede Menge - Rechte nicht. Mein Bruder schmiss sämtliches Hab und Gut aus dem Fenster - das war doch nur ein Jungenstreich. Ich wollte im Sommer nicht schon um 18.00 Uhr zu Hause sein - keine Diskussion! Als ich doch mal wagte eine Stunde später nach Hause zu kommen, schrie meine Mutter mich an:"Jetzt brauchst du auch nicht mehr zu kommen. Geh doch hin wo du willst!" - und schlug mir die Tür vor der Nase zu. Ich ging zu einer Klassenkameradin, heulte wie ein Schlosshund und eine Stunde später tauchte meine Mutter auf und tat so als hätte ich da was falsch verstanden gehabt. Ich hatte Angst vor ihr. Sie war unberechenbar. In dem einen Moment konnte sie noch vor sich hinsummen und im nächsten starrte sie einen wütend an und schrie was das Zeug hielt. Ärgerte mein Bruder mich und liess mich nicht in Ruhe, so tauchte irgendwann (von meiner Mutter beauftragt) mein Stiefvater auf und ohrfeigte uns oder versohlte mir den Hintern während mein Bruder sich freute und daneben stand. Überhaupt war ich als Kind in den Augen der Erwachsenen viel zu sensibel, weinte schnell und war einfach theatralisch und überempfindlich. In der Kindheit galt was mein Bruder wollte. Ich hatte keine Rückzugsmöglichkeit, weder im Kinderzimmer, noch in der Schule, noch sonst irgendwo. Zwei Stunden Schwimmtraining am Tag, wenn ich den Kopf unter Wasser hatte und mal kein Trainer schrie und mehr verlangte - da hatte ich so etwas wie einen Moment um den Tag zu reflektieren. Bald jedoch begannen die Trainer die ersten Dopingmittel zu verabreichen und mein Stiefvater nahm mich aus dem Training. Mit meiner besten Freundin konnte ich mich so gut wie nie alleine treffen - denn meinen Bruder musste ich immer mitnehmen - dann hatten meine Eltern wenigstens ihre Ruhe. In der Pubertät wurde es immer schlimmer.Meine Mutter lag häufig nur noch auf dem Sofa oder im Bett herum. Fühlte sie durch unsere blosse Anwesenheit gestört. Machte wir die Haustür zu laut zu, schoss sie aus dem jeweiligen Zimmer in dem sie gerade herumlag und schrie uns an. Genauso verhielt es sich wenn wir zu laut die Treppen hoch und runter liefen oder uns unterhielten. Ich machte das Essen warm, half meinem Bruder bei den Hausaufgaben machte meinen eigenen und fühlte mich völlig überfordert. Ich liess es an meinem Bruder aus. Trotz allem liebte er mich. Vertraute mir. So spendete ich ihm Trost wenn meine Mutter ihn mal wieder klein gemacht hatte. Mein Stiefvater hatte sich schon längst in die Arbeit gestürzt und uns, uns selbst überlassen. Hatte meine Mutter gute Phasen wollte wir diese Zeit mit ihr verbringen - aber sie waren nur von geringer Dauer. Immer mussten wir genau aufpassen was wir sagten, wie wir uns ausdrückten und wie laut wir sprachen. Alles konnte falsch sein. War das der Fall, folgte ein Verhör. Ein Katalog von Fragen brach über uns herein, Dinge die vor Jahren geschehen waren wurden wieder thematisiert und waren unverzeihlich. Ob ich blöd sei? Ob ich denn gar keinen Verstand hätte. Antwortete ich mit: Doch ich habe Verstand, dann wurde ich gefragt, warum ich ihn denn nicht benutzte. Sagte ich: Ich benutze ihn doch - explodierte sie - schrie mich an, dass sie davon gar nicht sehen könne. Ob ich sie verarschen wolle. Es zog sich ins endlose. Antwortete ich hingegen: Nein ich habe keinen Verstand, wurde sie sofort wütend und schrie: Ich sei ja wohl völlig dämlich, wie ich denn darauf käme, keinen Verstand zu haben. Was sollte ich darauf antworten. Es war völlig gleichgültig was man antwortete - sie verdrehte es so, dass sie ihre Wut an uns auslassen konnte. Auch an meinem Stiefvater. Versuchte er, uns Kinder zu verteidigen, bekam er unweigerlich zu hören was für ein Versager er doch war. Sie war grausam. Wir schlichen nur noch durch das Haus, mochten nicht mehr nach Hause kommen - nur um ihr nicht zu begegnen. Manchmal kamen wir nach Hause und fanden sie in einem der Kinderzimmer. Sie hatte alles aus den Regalen und Schränken gerissen - schrie entweder meinen Bruder oder mich an was uns einfiele, eine solche Unordnung zu hinterlassen. Nachdem sie dann gut eine Stunde auf unseren Seelen herumgetrampelt hatte - durften wir aufräumen. Und wehe wir halfen einander. Versuchten wir uns gegenseitig in Schutz zu nehmen, waren wir angeblich frech und sie drohte uns, uns eine runterzuhauen. Nie war einer da, der uns verteidigte. Der uns in den Arm nahm. Ich kann mich nicht erinnern jemals von meiner Mutter Zärtlichkeiten empfangen zu haben - ich war schliesslich selbst Schuld an meinem Zustand. Nie war ich gut genug. Hatte ich ein Zeugnis mit Einsen und Zweien und eine einzige 4 in Mathe, dann hiess es: Das Zeugnis ist ja gut, AAAABer: Die 4 muss weg. Das geht nicht. Mein Bruder kam mit einem 3-er und 4-er Zeugnis nach Hause und wurde gefeiert wie ein Held. Wie sollte ich die Welt verstehen? Was war richtig was war falsch? Sie machte mir meine Freunde mies. Machte sich vor ihren über mich lustig und fand ich sollte nicht immer so empfindlich sein. Ich hatte kaum Freunde und die, die ich hatte verstanden nicht wie es mir ging. Ich konnte keine Freude empfinden - war es denn richtig das ich Freude empfand während es meiner Mutter so schlecht ging? Durfte ich das? Nach dem Abitur ging ich sofort ins Ausland. Weit weg von ihr. Doch sie rief ständig an. Wollte dies und jenes - und ich wollte endlich eine Pause von ihr. Wollte mich nicht rechtfertigen warum ich morgens um 10.00 Uhr verschlafen klang, nicht sagen warum ich mich mit ihr nicht unterhalten wollte. Je mehr sie mich anrief desto mehr ignorierte ich die Telefonanrufe. Irgendwann schmiss ich das Telefon an die Wand während sie reinbrüllte. Jahre später gab sie mir die Schuld am Bankrott meines Stiefvaters und das er sein Haus verlor - nur weil ich mein Studium im Ausland nicht abgeschlossen sondern abgebrochen hatte. All das Geld was doch in mich investiert worden war. Dabei vergass sie, das sie mich versucht hatte zu erpressen. Würde ich mit meinem Freund in eine gemeinsame Wohnung ziehen müsste er die gesamte Miete zahlen - ansonsten würde sie es nicht erlauben und sie würde kein Geld mehr schicken. Gut, sagte ich. Dann behalte dein Geld. Es ist mir egal. Ich bekam kein Geld mehr. Also arbeitete ich nun jede Nacht um mir die Wohnung, den Lebensunterhalt und die ganzen anderen Dinge leisten zu können. Es war hart und nach einer Weile war ich nur noch müde, antriebslos, weinerlich, gereizt, streitsüchtig - ich war meine Mutter. Ich suchte Hilfe fand sie aber nur in Form einer Ärztin die mir Pillen verschreiben wollte und das wollte ich nicht. In der Zwischenzeit sprach mein Bruder den Drogen zu. Da er meiner Mutter nun Schutzlos ausgeliefert war - suchte er sich ein Ventil. Er nahm alles was er in die Finger kriegen konnte. Speed, Ekstasy, Koks, Hasch. Das er Heroin oder Crystal nicht ausprobierte war auch alles. Mehrfach versuchte ich ihn dazu zu bewegen zu mir zu kommen. Doch er war noch schulpflichtig. Nun heute ist mein Bruder clean. Über 3 Jahre hat er einen Entzug gemacht. Sein Verhältnis zu meiner Mutter und seinem Vater ist wohl gut. Ich höre leider nur selten von ihm. Mit meiner Mutter habe ich immer mal wieder gesprochen- doch will ich keinen Kontakt mit ihr - sie versucht es ab und an mal mich zu einem Treffen zu bewegen - aber ich habe keinerlei Vertrauen zu ihr. Ich hatte es noch mal versucht als ich aus dem Ausland zurückgekehrt war - doch in einem Gespräch wurde sie so wütend, dass ihre Hand meine Wange um Millimeter verfehlte, was dazu führte, das ich auf sie losging in ihre Handgelenke fest umklammert hielt, sie rückwärts gegen die Wand drängte und sie zum ersten Mal in meinem Leben anschrie, sie solle sich das ja nicht noch einmal wagen - nicht mal daran denken! In ihren Augen stand ihr die Angst geschrieben. Gut so. Widerum ein paar Jahre später sagte sie dazu: Ich wollte dir nur den Mund zu halten! - Na klar. Letztes Jahr rief sie mich an, da war ich nicht mal 6 Stunden aus meinem Urlaub zurück - dahin war die Erholung. Sie wolle sich mit mir treffen, mir erklären wie es ihr gegangen sei in all den Jahren. Als ob ich das nicht gesehen hätte. Ob sie eine Rabenmutter sei? Was soll ich dazu sagen. Mir war sie keine Mutter. Sie hat mir Dinge erzählt, die ich nicht mal hier schreiben kann. Dinge die so schrecklich sind, dass sie sie am besten für sich selbst behalten hätte. Doch dazu ist sie nicht in der Lage - dann tut es ja nur ihr weh - schliesslich ist doch geteiltes Leid nur noch halbes Leid. Oder eben doppeltes. Ich wünschte sie würde verstehen, das ich mich vor ihr schütze indem ich keinen Kontakt zu ihr habe. Für mich ist sie die böseste Person die ich kenne, die mir tagtäglich weh getan hat, indem sie nicht freundlich und verständnissvoll war, sondern gemein, gehässig, abwertend, herablassend, erniedrigend, demütigend und grausam. Jedesmal wenn ich in die Stadt fahre in der sie wohnt, ghet es mir schon morgens schlecht, ich bin so angespannt, das ich fast unbeweglich bin - selbst meine Denkprozesse sind unbeweglich - dabei ist noch nicht mal gesagt, dass ich sie treffen werde. Und doch denke ich jedesmal wenn ich auf sie treffe - vielleicht wird es ja diesmal anders. Das letzte Mal sah ich sie als ich den Schlüssel zum Appartment meines Stiefvaters abholen sollte. Es war Februar und - 18°C draussen. Sie rief ein Taxi für mich und sagte dann dem Fahrer:...nein, nein ihr Fahrgast wartet draussen! Es dauerte fast eine Viertelstunde bis das Taxi kam. Und ich frage mich: Ist das nur Gedankenlosigkeit? Ihre eigene Unsicherheit? Und dann: Warum frage ich mich das überhaupt? Das verunsichert mich doch nur wieder... Warum ich heute auf dieses Thema gekommen bin? Weil ich die letzten 3 Wochen damit zugebracht habe, müde und desinteressiert in meinem Bett zu verbringen. Ich ging zur Arbeit - kam zurück und legte mich sofort wieder ins Bett. Niemand rief an - ich rief niemanden an. Ich wollte nicht - ich konnte nicht. Es hat mich erschreckt wie egal mir alles war. Ich weiss auch nicht wie ich aus diesem Loch wieder rausgekommen bin. Und irgendwie kann ich meine Mutter verstehen. Irgendwie eben.

1.10.13 05:20, kommentieren

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